Projekt Urheberrecht: Geistiges Eigentum braucht eine Zukunft! Freigetränke gegen Kostenlos-Kultur.

Und wieder mal etwas zum Thema Urheberrecht und Co. Eigentlich möchte man das selber gar nicht mehr unbedingt kommentieren, da dies schon so unglaublich viele andere machen, aber in letzter Zeit tauchen halt einfach so viele putzige Initiativen auf, dass man beim Kuratieren dieser ganzen Flut an Kampagnen einfach helfen muss.

Heute geht es hier um die Initiative für geistiges Eigentum vom Bundesverband Musikwirtschaft Musikindustrie e.V., und deren Kampagne Projekt Urheberrecht, welche unter dem Thema “Urheberrecht sichern - Ideen verteidigen!” steht. Man ist sich hier selber wohl bicht ganz so sicher, in welche Richtung die Kampagne gehen soll, eher klassisch, also Urheberrecht im Zusammenhang mit künstlerischen Leistungen, oder eher wirtschaftlich, die Verteidigung von Ideen und wissenschaftlichen Entwicklungen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern. Am wahrscheinlichsten ist jedoch: keines von beiden, denn “Bundesverband Musikindustrie e.V.” klingt auch eher nach Verwerter-Klub als nach wirklichen Urhebern.

Achtung: kleines Update zum Thema ganz unten am Artikel (08.05.2012), außerdem habe ich ich den Term “Bundesverband Musikwirtschaft” gegen “Bundesverband Musikindustrie” getauscht, so heißt der Verein wirklich :)

Der Aufruf

Natürlich wurde wieder ein öffentlicher Brief geschrieben, ohne direkte Unterzeichner und als Aufruf zur Demonstration “Geistiges Eigentum braucht eine Zukunft!” am 26.04.2012 gedacht. Ich werde ein paar Passagen unter meiner Meinung ganz passenden Überschriften zitieren:

Keine Panik: wir analysieren die Situation ganz nüchtern

Die digitale Krise schlägt voll auf die Kreativwirtschaft durch. Viele deutsche Unternehmen stehen wegen des Diebstahls im Internet vor existenziellen Problemen. Tausende Arbeitsplätze in Deutschland sind gefährdet. […] Bedroht sind nicht nur Künstler, Musiker und Autoren sondern die Konkurrenzfähigkeit der Exportnation Deutschland im allgemeinen.

Nur wir dürfen Offline-Bürger repräsentieren und Meinungsäußerung ist undemokratisch

Die sogenannte “Netzgemeinde” erhebt den Anspruch die Gesellschaft zu repräsentieren und sägt an den ökonomischen Grundfesten und Werten unserer Gesellschaft. […] Mit den kurzsichtigen und undemokratischen Protesten blasen die Vertreter der “Generation-Kostenlos” nun zum Kampf gegen das Multilaterale und über Jahre hinweg mühsam erarbeitete ACTA Abkommen.

ACTA, ACTA, uber alles …

Das ACTA Abkommen wurde unter zahlreichen Staaten mit großer Rücksicht auf alle rechtlichen und ökonomischen Realitäten verhandelt. Für unser Land bedeutet ACTA lediglich die Festigung der bereits bestehenden Rechtslage. Diese in Deutschland bereits bestehende klare Rechtsauffassung würde durch das Abkommen in alle Welt exportiert. Diese historische Chance darf Europa nicht verpassen. […] Verteidigen Sie unsere Werte zur Sicherung von Wachstum und Wohlstand in Europa.

Überlegungen zur Urheberrechtsreform == kriminell

Wir rufen in Zusammenarbeit mit renommierten Instituten wie BDI (Anm. BDI ist inzwischen ausgestiegen) und IFPI alle redlichen Bürgerinnen und Bürger dazu auf, gegen den digitalen Raubzug auf die Straße zu gehen.

Die Unterstützertrolle

So ein Aufruf zieht natürlich mindestens genauso eigenartige Leute an wie auch Aufrufe der Gegenseite, hier mal ein Kommentar von Hans Herdtling als Beispiel, versehen mit meinen Anmerkungen:

Schön, dass sich endlich ein Gegenpol zu der einseitigen Hetze im Internet bildet. An alle ACTA Gegner: Lest doch lieber mal die Zeitung statt die ganze Zeit nur zu twittern.

  • klar findet die Hetzte (aka Meinungsäußerung der ACTA- und Urheberechts-Kritiker) sehr oft im Internet statt, denn die Anzeigen für ACTA und Status Quo in den großen Tageszeitungen können sich nur die Verwerterlobby leisten.
  • klar steht in diesem Twitter und dem ganzen restlichen Internet nur Blödsinn, mit traditionellen Zeitungen läßt sich viel leichter und besser ein gesellschaftlich verträglicheres Meinungsbild entwickeln
  • und klar gibt es nur eine kollaborative Meinung im Netz, Gegenstimmen und ganz andere Meinungen zu diesem Thema findet man eigentlich nirgends.

Eure “Freiheit” hört da auf, wo Sie die Freiheit der anderen beeinträchtigt. Ihr sitzt am längeren Hebel, denn ihr braucht nur auf “Download” zu klicken, die Künstler haben keinen Button auf dem “nicht downloadbar” steht um ihr Werk zu schützen.

  • ich denke, da hat Hans sich verschrieben, das sollte eigentlich lauten: Eure “Freiheit” hört da auf, wo sie den Profit der anderen beeinträchtigt. Eure Freiheit darf dort beginnen, wo konsumiert wird.
  • der Butten für Künstler zum totalen Schutz ihres Werkes ist tatsächlich nicht mit “nicht downloadbar” (Hans meist hier sicher “nicht illegal kostenlos downloadbar”) beschriftet, sondern mit “nicht veröffentlichen” oder “gar nichts damit verdienen”

Das ist ungerecht und muss aufhören.

  • hier hat Hans natürlich recht, diesen Satz kann man fast überall anhängen. Zum Beispiel auch an den Umstand, dass sozial Benachteiligte, die nicht einfach so am legalen Konsum partizipieren können (es geht um Kultur im weitesten Sinne), dafür eine “Strafe” (Abmahnungen, etc) zahlen sollen, die oftmals deutlich höher ist als der Wert des “geraubten” Gutes.

Experte Gorny

Klar, dass auch Gorny wieder mitmischt. Diesmal als Experte. Auf dem Banner der Iniatitive ist ein Zitat von Gorny zu lesen:

Digital alleine macht weder glücklich noch kreativ. Alles was da flimmert, tickert und tackert hat ein Mensch gemacht. Wir landen in einem dumpf brütenden Mittelmaß, wenn wir unsere Kreativen nicht richtig schützen. deswegen müssen wir sie anständig bezahlen. DIETER GRONY, Urheberrechtsexperte

Ok, dass Gorny jetzt auch noch Jurist mit Spezialisierung auf Urheberrecht ist, wusste ich gar nicht. Ich dachte, er hätte Musik studiert und als Musiklehrer gearbeitet, bevor er dann Viva gründete, zu MTV ging und Lobbyarbeit machte. Seine Aussage klingt auch sehr wissenschaftlich fundiert, fast so wie Kinderporno und geistiges Eigentum innerhalb von zwei Sätzen in Relation zu setzen, um weitreichende Internetsperren zu begründen:

Der Vorstoß der Familienministerin zum Verbot von Kinderpornografie im Internet ist ein richtiges Signal. Es geht um gesellschaftlich gewünschte Regulierung im Internet, dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums. (Dieter Grony-Zitate bei Wikiquote)

Dass Gorny ein Experte zu jedem Thema ist, hat er auch eindrucksvoll als künstlerischer Direktor für die Kreativwirtschaft bei Ruhr.2010 gezeigt, als er nach Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit der Veranstaltungsfläche und Problemen bei der Finanzierung der Loveparade in Duisburg “bestürzt und erschrocken” war:

Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste. (Dieter Gorny gegenüber der WAZ)

Die Loveparade fand statt, und Duisburg verpasste nicht die Chance, sich international zu blamieren: 21 Menschen starben und 541 Besucher wurden verletzt.

Industrie macht hier nicht mehr mit

Einer der ursprünglichen Partner, der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI), ist inzwischen schon abgesprungen:

Der BDI e.V. möchte aus Angst vor negativer Berichterstattung ab sofort nicht mehr als Partner der Veranstaltung auftreten. Frau Wilde hat aber ebenfalls mitgeteilt, dass sich der BDI an seine Zusage Freigetränke anzubieten halten wird. Wir finden es Schade, dass der BDI e.V. und Frau Wilde sich scheinbar dem Druck der sozialen Netzwerke beugen. (Update 24.04.2012)

Na zumindest gibt es Freigetränke. Das ist ja mal ein richtig fettes Statement, wenn man diese verfluchte “Kostenlos-Kultur” angehen will. Warum der BDI Angst vor negativer Berichterstattung hat, kann man nur spekulieren. Ob des verdammt simplen Demoaufrufs, wegen eigenartigen Experten und Unterstützern, oder weil die sozialen Netzwerke sonst einen Shitstrom lostreten.

Dieses “soziale Netzwerk” sollte sowieso als krimineller Vereinigung eingestuft werden, kann ja nicht angehen, dass es sich hier eine unabhängige und freie Lobby organisiert.

Diskriminierung von Andersgläubigen

Damit sollte sich Projekt Urheberrecht in Zukunft beschäftigen, denn wer andere aufgrund von simplen Glaubensfragen und -ausübungen diskriminiert, kommt ganz fix mal mit dem Grundgesetz in Konflikt. Also bitte keine mitternächtlichen Hetzjagden auf Mitglieder der “missionarischen Kirche des Kopimismus”, welche zumindest in Schweden schon offiziell als Religion anerkannt wurde. Denn deren Grundsatz bezieht sich durchaus auf die Bibel.

Also eine Initiative für geistiges Eigentum, welche unsere durchaus auch stark christlich geprägte Gesellschaft vor den bösen Piraten und Raubkopierern verteitigen möchte, sollte sich bewusst sein, dass Kopimismus Teil davon ist:

Copy me, my brothers, as I copy Christ himself. (1 Corinthians 11 (J.B. Phillips New Testament))

Update 08.05.2012

Also nachdem ich kürzlich in meinen Statistiken gesehen habe, dass es tatsächlich Besucher dieses Blogs gab, die über Google durch die Stichworte “urheberrecht projekt” hierher gefunden haben, und ich mit Erstaunen festgestellt habe, dass dieser Eintrag für "Projekt Urheberrecht" bei Google.com sogar direkt hinter der eigentlichen Kampagnenseite rankt (bei DuckDuckGo sogar ganz vorn), habe ich direkt mal wieder bei der Kampagne vorbeigeschaut. Und siehe da, es hat sich einiges getan, die Kampagne und Demo scheint sich selber abgesagt zu haben:

Ich, Alexander Schmidt, der offizielle Veranstalter der Demonstration für das geistige Eigentum, sehe mich leider gezwungen die für den 26.4.2012 geplante Veranstaltung kurzfristig abzusagen. […] Sowohl der Bund der Industrie als auch der Bundesverband Musikindustrie haben mittlerweile angekündigt, sich vollkommen aus der Veranstaltung zurückzuziehen. Darüber hinaus haben mich beide Verbände dazu aufgefordert, die Demonstration abzusagen und Stillschweigen über alle vorher gemeinsam getroffenen Vereinbarungen zu wahren. (Alexander Schmidt bei Projekt Urheberrecht)

Die Logos des BDI und BV Musikindustrie sind von der Seite verschwunden, und Alex fühlt sich etwas im Stich gelassen:

Maßlos enttäuscht bin ich aber über meine ehemaligen Mitstreiter auf Seiten des BDI e.V. […] Ich habe beim BDI explizit angefragt, ob ich nicht etwas tun könnte um zu helfen, damit ACTA wieder mehr Akzeptanz erfährt. […] Zum Schluss kamen wir überein, dass ich eine Demonstration anmelden und Interessierte werben sollte. Diese Demonstration sollte am 26.4., dem Tag des geistigen Eigentums stattfinden. […] Allerdings habe ich vorher noch nie eine Demonstration organisiert. Die Vertreterin des BDI beruhigte mich aber und sagte, dass mir der BDI bei der Organisation im Hintergrund helfen und sich auch öffentlich an die Seite der Veranstaltung stellen würde. Es solle jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass die Demonstration vom BDI ausgehe. Zudem würde man weitere Partner ins Boot holen, die die Demonstration auch personell unterstützen würden. Die Zusammenarbeit war fruchtbar und gut, bis zu dem Zeitpunkt, wo sich Proteste im Netz (unter anderem auf Facebook und Twitter) gegen meine Demonstration regten. […] Außerdem wusste ich nicht, dass eine Werbeagentur bezahlte Demonstranten für meine Demonstration am 26.4. organisieren sollte. (Alexander Schmidt bei Projekt Urheberrecht)

Tja, da weiß man nicht so richtig, wer sich hier ein faules Ei eingehandelt hat :) Für Außenstehende sieht die Kampagnenseite immer noch sehr offiziell nach Bundesverband Musikindustrie e.V. aus, denn dieser steht weiter im Impressum.

Schön ist noch Alex’ Logik:

Ich habe ausgeführt, dass ich es schade finde, dass die lauten ACTA-Gegner mit ihrer undemokratischen Hetze die Diskussion nunmehr überlagerten, während die überwiegende schweigende Mehrheit der Deutschen für das Abkommen ist.

Warum er im Web artikulierte Meinungen und offiziell angemeldete Demonstrationen als undemokratisch empfindet, wird sein Geheimnis bleiben. Witzigerweise ist nach seiner Logik auch die überwiegende schweigende Mehrheit der Deutschen gegen Fußball, da relative zur Gesamtbevölkerung nur wenige darüber sprechen oder in die Stadien gehen. Dann könnten wir das doch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern rausnehmen und in Zukunft so ca. 40% GEZ-Gebühren sparen. :)

Urheberrechtsdebatte: Die Zwischenlinie, und noch etwas mehr.

Die Urheberrechtsdebatte gibt es eigentlich schon seit ein paar Jahren, auch wenn sie medial nicht immer so stark wahrgenommen wurde. In der Öffentlichkeit ging es oft nur um Themen, was ist noch Privatkopie und was sind illegale Raubkopievorgänge in digitalen Zeiten, in den das “geraubte” Gut danach trotzdem noch vorhanden war, damit es auch andere nochmal rauben können. Auch die Lobbies der Verwerter und Rechteinhaber beackerten in ihren Kampagnen hauptsächlich den bösen Raubkopierer, den Kriminellen

Eine Debatte im saloppen Schnelldurchlauf

Das änderte sich, als die Piraten auftauchten, bzw. auch erst dann, als die Piraten nicht mehr nur marginale 1%-Technikspinner waren, sondern inzwischen Erhebungswerte aufweisen, für welche die Grünen 30 Jahre brauchten und wie sie die FDP nie erreichen wird. Und die Piraten sollen ein sehr radikales Programm zur Überarbeitung des Urheberrechts haben. Ich muss zugeben, dass ich mir das direkt noch nie angesehen habe (sofern es da was Schriftliches gibt), und alles andere sind subjektive Wahrnehmungen: Aussagen von Piratenpolitikern (ein witziges Wort) müssen nicht unbedingt zu 100% das Programm spiegeln, mediale Diskussionen in Zeitungen und Fernsehen befinden sich systembedingt bei den Verwertern, das kann umfassend sein, man sollte aber nicht davon ausgehen; und zudem gibt es noch die ganzen Blogs, die soweiso immer irgendwas zu schreiben brauchen, das ist hier nichts anderes.

Und seit über uns allen das Piratenschwert schwebt, sind die Verwerter auf neue Kampagnen umgeschwenkt: Bitte kauft uns was ab, ansonsten könnt ihr bald gar nicht mehr kaufen, kreative Arbeit kann es ohne uns nicht geben, Jammer, Blah, Blub. Das ging in etwa los mit einer Unterschriftensammlung von durch Gorny zusammengetrommelter Musiker, und inzwischen sind wir bei Deutscher Content Allianz, offenen Briefen von durch GEZ-Gebphren schon entlohnte Autoren, kommenden nervtötenden Kampagnen von GEMA und anderen merkwürdigen Vereinigungen angekommen.

Momentaner Höhepunkt ist die spezielle Lobby-Ausgabe des Handelsblatts, in der sich 100 “Kreative” zu ihrem drohenden Absturz ins Nichts äußern durften, garniert von faktisch zweifelhaften Unterstützertexten. Einen kleinen Überblick über die Diskussionen in der Blogosphäre findet sich bei Niggemeier, auch wenn er sich selber aus Masochismus-Gründen nicht beteiligen kann.

Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Zeitung hinter eine sozial angeschlagene Berufgruppe stellt. Allerdings habe ich deren Unterstützerausgaben vermisst, als hunderte Mitarbeiter von irgendwelchen Schreib-/Druckmaschinenwerken entlassen, oder tausende Kohlekumpels arbeitslos wurden. Auch irgendwie ein Ergebnis, dass sich Gesellschaft, Technik und Prozesse über die Jahre verändern. Und während es für die Kohlekumpels nur den Ausweg über komplette Umschulung, Umzug oder Frührente gibt, können “Kreative” auch weiter in ihrem Berufsfeld arbeiten, müssen sich aber dafür mit anderen und neuen Geschäftsmodellen beschäftigen — und evtl. selber ein paar konkrete Vorschläge zur Urheberrechts-Reform machen, so als Angebot für die Gegenseite, und als Zeichen, dass man nicht nur den aktuellen Zustand als [höhere Instanz einsetzen]-gegeben verteidigen möchte.

Die Zwischenlinie

So haben wir also bisher hauptsächlich zwei Lager, zum einen die Verteidiger des Status Quo, zum anderen die Piraten und deren Unterstützer. Im Endeffekt die klassische Ausgangssituation von Verhandlungen, nach denen man sich auf einen — hoffentlich sinnvollen — Punkt irgendwo dazwischen einigt, oft etwas verfälscht durch unterschiedliche Machtpositionen der einzelnen Gegner.

Inzwischen kommt verstärkt eine dritte Gruppe hinzu, ich nenne sie mal die Zwischenlinie: Menschen, die sowohl Urheber als auch Filesharer sind; Menschen, die sich durchaus gegenseitiger kultureller Beeinflussung bewusst sind. Diese Gruppe gibt es natürlich auch schon immer, aber inzwischen hört man sie im Getöse. Und ohne sich der Sache bewusst zu sein, stehen diese Menschen evt. schon an dem Treffpunkt der Gegensetze, oder zumindest in der Nähe davon — auch wenn bisher noch keiner so genau wissen kann, wo dieser Punkt ist, oder besser sein sollte. Beispiele:

  • Dietrich Brüggemann “Mein Plattenladen heißt Herunterladen”: “Man beobachtet eine Entwicklung, verlängert sie in die Zukunft und gerät in in Panik. Das ist so, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das an der Ampel losfährt, würde den Tacho beobachten und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt, wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die Schallmauer durchbrechen, da sollte ich jetzt besser mal dem Fahrer laut schreiend ins Steuer greifen und den Wagen gegen die nächste Wand lenken.”
  • Johnny Haeusler “Ich heb dann mal ur”: “In der Debatte gibt es für mich im Moment nur zwei unumstößliche Fakten: 1) Das Urheberrecht wird nicht abgeschafft werden, selbst wenn ganz viele Piraten ganz doll mit dem Fuß aufstampfen. 2) Private Kopien von digitalen Dateien lassen sich nicht unterbinden, selbst wenn sich die Vereinten Nationen einschalten.”
  • Oliver Nagel “Det fiel ma uff”: “Aus meiner Lebensrealität, aus dem Alltag eines sowohl kreativ schaffenden Menschen, der gerne für seine Arbeit bezahlt werden möchte, als auch aus meinem Alltag als Konsument (was nicht voneinander zu trennen ist), hat sich ein Umgang mit Medieninhalten ergeben, der mit den Buchstaben des Gesetzes hin und wieder genau so in Konflikt gerät wie ich als Fahrradfahrer mit der StVO kollidiere.”

Nur ich darf klauen, du nicht. Und ASCII-Art zählt sowieso nicht.

Dass es auf beiden extremen Polen auch sehr eigenartige Gewächse gibt, zeigen die aktuell inflationär erscheinden offenen Briefen und Kampagnen der “Contentindustrie”, beispielsweise “Ja zum Urheberrecht”, eine Aktion von Syndikat (Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur). Denn abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, ob es dort auch Qualitätskriterien für die Aufnahme gibt und dass ich sicherlich von 99% der Autoren die Werke nichtmal für umme lesen wollen würde, nimmt man es selber selber wohl nicht so eng, nutzte man ohne Urheberhinweis eine ASCII-Art Pistole im Impressum, kurz darauf erklährt man sein Urheberrecht an den Inhalten. Crazy Typen. Dabei müssten doch Krimischreiber genau die Typen sein, die Raub (Kopien) oder Mord (Urheberrecht) mit Verstand aufklären können. Dass das Syndikat ihren Hauptpreis 1995 auch an Herbert Reinecker vergibt, ist nur eine Randnotiz. Der hat Derrick geschrieben, war aber auch Mitglied der Flieger-HJ, Chefredakteur der Nazizeitung “Unser Fahne”, Drehbuchschreiber für propagandistisches Nazitheater/Filme, Hauptschriftleiter von HJ-Zeitschriften und Angehöriger einer Waffen-SS-Propagandakompanie (Quelle: Wikipedia und Kommentare auf Niggemeiers Beitrag). Das Syndikat sagt also nicht nur Ja zum Urheberrecht, sondern scheint auch noch ganz andere Sachen zu billigen. Insofern: komplett ignorieren und in der Diskussion außen vorlassen!

Ziemlich durchgeknallt

Und zum Abschluss dieses viel zu langen Artikels (eigentlich wollte ich doch nur kurz die Zwischenlinie erwähnen), noch ein weiterer Brief. Anatol Stefanowitsch schreibt in seinem Offenen Brief an die Contentindustrie:

Wenn ihr glaubt, dass eure Werke unverzichtbarer sind als andere, weil sie teurer bezahlt werden, dann irrt ihr euch. Wenn ihr glaubt, dass alle GEZ-finanzierten Tatort-Drehbücher dieser Welt auch nur ein Hundertstel soviel Wert sind, wie die amateurhafte Wikipedia, oder dass monatliche Schecks von der GEMA etwas mit Rock ‘n’ Roll zu tun haben, oder dass ein Vorstandsposten in der Contentindustrie euch zu „Kreativen“ macht, dann ist das ziemlich durchgeknallt. Wenn ihr glaubt, dass es ohne euch keine Kreativität, keine schöpferische Tätigkeit, keinen Kunstgenuss gäbe, dann ist das befremdlich ahistorisch. Und wenn ihr glaubt, dass der Schutz eurer Werke es rechtfertigt, das Internet — das Internet! — zu überwachen oder Abmahnanwälte auf Leute zu hetzen, denen es finanziell sicher schlechter geht als euch, weil die ein Lied oder einen Film (oder auch tausend Lieder oder tausend Filme) aus dem Internet heruntergeladen haben ohne dafür zu bezahlen, dann seid ihr wahnsinnig. Dann würde ich lieber ohne eure Kreationen leben, ganz egal, wie sehr sie ein Teil meines Lebens sind, als eure Illusionen auch nur mit einem weiteren Euro zu finanzieren.

Und die drehen sich auch noch: Deutsche Content Allianz & ACTA

Die Deutsche Content Allianz (DCA) fordert die unverzügliche Unterzeichnung von ACTA durch die Bundesregierung. Ein eigenartiger Verbund aus Öffentlich-Rechtlichen, GEMA, und einigen Zusammenschlüssen aus der privatwirtschaftlichen Medienbranche verstehen die Welt nicht mehr. Das Urheber- und Verwertungsrecht der DCA ist das geozentrische Weltbild der Katholischen Kirche.

Es seien jetzt eindeutige Signale notwendig, die Reform anpacken und durchsetzen zu wollen, da sonst die Gefahr einer Kluft zwischen der deutschen Kreativwirtschaft und den Gruppen unserer Gesellschaft, die den Schutz des geistigen Eigentums als einen Angriff auf die Freiheit im Internet diskreditierten, bestehe. Diese Freiheit sei ein hohes, unbestrittenes Gut, solange sie nicht als Rechtlosigkeit interpretiert werde. (Presseerklärung DCA)

Es ist schon ein witziger Umstand, dass die “Freiheit im Internet” ein ganz eigenes Ding ist. Was genau, das weiß wahrscheinlich keiner so genau, aber dem DCA zufolge darf das nicht zu groß werden und evtl. noch in kulturelle Veränderungen ausarten.

Die “Freiheit im Internet” ist auf keinen Fall Teil der ganz allgemeinen persönlichen Freiheit, die man leider an viel zu wenigen Orten der Welt genießen kann. Dieses Leben im Internet hat nichts mit dem “richtigen” Leben zu tun, das sind schon zwei verschiedene paar Schuhe, auch im Jahr 2012 bzw. im 3. Jahrtausend. Dieses Internetleben ist nicht Teil der Realität, sondern ein eigenes virtuelles Leben. Deshalb braucht es auch gesonderte Rechte dafür, die vorhanden Gesetze und Bestimmungen sind nicht ausreichend. Wir müssen an dieser Stelle auf jeden Fall auch Diebstahl neu definieren, denn im Internet des DCA & Co. führt eine Vervielfältigung einer Sache direkt zum Verlust der Sache.

Es kommt einen so vor, als wäre ACTA eine Art Bestätigung zur Inquisition mit der Berufung von Interessenverbänden als Inquisitoren, alle weiteren Beteiligten (wie technische Provider) müssen sich für eine Seite entscheiden und ihre Kunden durch Vorratsdatenspeicherung belasten und durch weitere Maßnahmen evtl. direkt verpfeifen. Das Urheber- und Verwertungsrecht der DCA ist das geozentrische Weltbild der Katholischen Kirche.

Irgendwie absurd, besonders da es den hier Beteiligten wohl auch weniger um Urhebung als um Verwertung geht, genau wie es der Katholischen Kirche nicht um das Weltbild, sondern um ihre bröckelnde Macht ging. Aufklärung war da natürlich hinderlich. Genützt hat es letztendlich nicht viel, sondern nur verzögert.

Niggemeier hat das sehr treffend pointiert zusammengefasst:

In der »Deutschen Content Allianz« haben sich die Dieter Gornys dieses Landes zusammengeschlossen. Sie versuchen, sich vor dem Ertrinken zu bewahren, indem sie sich gegenseitig umklammern und das Wasser beschimpfen. (Stefan Niggemeier in “Konvergenz, Konsistenz, Inkontinenz: Die »Deutsche Content Allianz«)

Er kritisiert in diesem Artikel ARD und ZDF, da diese eigentlich nichts in dieser Allianz zu suchen haben. Denn prinzipiell wird deren Content schon vorab durch Gebühren und andere öffentliche Gelder finanziert.

Und überhaupt, was maßen sich diese Allianzen und Interessenverbände eigentlich an, immer für die gesamte Kreativwirtschaft zu sprechen, oder gehört man erst mit Mitgliedschaft bei einem dieser Vereine zur deutschen Kreativwirtschaft? Nicht etwa schon durch die wirtschaftliche Nutzung von Kreativität im Medien- und Kunstbereich, wie es der Term Kreativwirtschaft suggeriert. Das würde einiges erklären und wäre auch eine weitere Analogie zur Katholischen Kirche, die auch nicht für alle Christen steht. Fragt sich nur, wer bei DCA den Papst spielt und für welchen Gott sie die weltliche Vertretung sind.

Fakt ist: das Heliozentrische Weltbild hat sich später durchgesetzt und auch dieses wurde inzwischen mehrfach den neueren Erkenntnissen angepasst, sogar die Kirche rehabilitierte Galilei 1992. Veränderungen sind möglich.

Von Kriminellen und kulturellen Veränderungen

Liebe Deutsche Content Allianz, am besten lest ihr euch nochmal die folgenden Artikel durch, vielleicht hilft euch das etwas, die heutige Zeit besser zu verstehen. Sofern ihr überhaupt verstehen wollt.

  • Wir, die Netz-Kinder (dt. Übersetzung bei Zeit.de): “Die junge Generation stört sich an traditionellen Geschäftsmodellen und Obrigkeitsdenken. ‘Das Wichtigste ist Freiheit’, schreibt der polnische Dichter Piotr Czerski.” Auch als polnischer Originaltext und englische Übersetzung lesbar.
  • Generation der Verbrecher: “Offensichtlich ist, dass kein Politiker, kein Lobbyist, kein Musik-, Film- oder Verlagsmanager darauf hoffen sollte, eine Imagesteigerung zu erfahren, spricht er sich für Acta aus. Hier wird eine Generation dazu erzogen, Politik zu verabscheuen und keinerlei Respekt vor den Inhalteindustrien zu haben.”

Stop ACTA! The “Anti-Counterfeiting Trade Agreement” is just another approach to censorship.

”I want to denounce in the strongest possible manner the entire process that led to the signature of this agreement: no inclusion of civil society organisations, a lack of transparency from the start of the negotiations, repeated postponing of the signature of the text without an explanation being ever given, exclusion of the EU Parliament’s demands that were expressed on several occasions in our assembly.” Kader Arif, rapporteur for ACTA in the European Parliament

The SOPA/PIPA protest was huge, now rise up against ACTA! While SOPA & PIPA would have been national US law, very dangerous laws of course, ACTA is an european law, supported by globally working law contracts. Officially it claims to stand against piracyship but it simply will work only for a few strong companies, and it leads to censorship. Read more about ACTA at Wikipedia. In Germany protestors are going to demonstrate against ACTA on February 11th. And what do you think about a new blackout as additional support?

“This agreement might have major consequences on citizens’ lives, and still, everything is being done to prevent the European Parliament from having its say in this matter. That is why today, as I release this report for which I was in charge, I want to send a strong signal and alert the public opinion about this unacceptable situation. I will not take part in this masquerade.” Kader Arif, quit his role as rapporteur

Campaigns & Actions

News & Information

More “Infomercials”