Urheberrechtsdebatte: Die Zwischenlinie, und noch etwas mehr.

Die Urheberrechtsdebatte gibt es eigentlich schon seit ein paar Jahren, auch wenn sie medial nicht immer so stark wahrgenommen wurde. In der Öffentlichkeit ging es oft nur um Themen, was ist noch Privatkopie und was sind illegale Raubkopievorgänge in digitalen Zeiten, in den das “geraubte” Gut danach trotzdem noch vorhanden war, damit es auch andere nochmal rauben können. Auch die Lobbies der Verwerter und Rechteinhaber beackerten in ihren Kampagnen hauptsächlich den bösen Raubkopierer, den Kriminellen

Eine Debatte im saloppen Schnelldurchlauf

Das änderte sich, als die Piraten auftauchten, bzw. auch erst dann, als die Piraten nicht mehr nur marginale 1%-Technikspinner waren, sondern inzwischen Erhebungswerte aufweisen, für welche die Grünen 30 Jahre brauchten und wie sie die FDP nie erreichen wird. Und die Piraten sollen ein sehr radikales Programm zur Überarbeitung des Urheberrechts haben. Ich muss zugeben, dass ich mir das direkt noch nie angesehen habe (sofern es da was Schriftliches gibt), und alles andere sind subjektive Wahrnehmungen: Aussagen von Piratenpolitikern (ein witziges Wort) müssen nicht unbedingt zu 100% das Programm spiegeln, mediale Diskussionen in Zeitungen und Fernsehen befinden sich systembedingt bei den Verwertern, das kann umfassend sein, man sollte aber nicht davon ausgehen; und zudem gibt es noch die ganzen Blogs, die soweiso immer irgendwas zu schreiben brauchen, das ist hier nichts anderes.

Und seit über uns allen das Piratenschwert schwebt, sind die Verwerter auf neue Kampagnen umgeschwenkt: Bitte kauft uns was ab, ansonsten könnt ihr bald gar nicht mehr kaufen, kreative Arbeit kann es ohne uns nicht geben, Jammer, Blah, Blub. Das ging in etwa los mit einer Unterschriftensammlung von durch Gorny zusammengetrommelter Musiker, und inzwischen sind wir bei Deutscher Content Allianz, offenen Briefen von durch GEZ-Gebphren schon entlohnte Autoren, kommenden nervtötenden Kampagnen von GEMA und anderen merkwürdigen Vereinigungen angekommen.

Momentaner Höhepunkt ist die spezielle Lobby-Ausgabe des Handelsblatts, in der sich 100 “Kreative” zu ihrem drohenden Absturz ins Nichts äußern durften, garniert von faktisch zweifelhaften Unterstützertexten. Einen kleinen Überblick über die Diskussionen in der Blogosphäre findet sich bei Niggemeier, auch wenn er sich selber aus Masochismus-Gründen nicht beteiligen kann.

Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Zeitung hinter eine sozial angeschlagene Berufgruppe stellt. Allerdings habe ich deren Unterstützerausgaben vermisst, als hunderte Mitarbeiter von irgendwelchen Schreib-/Druckmaschinenwerken entlassen, oder tausende Kohlekumpels arbeitslos wurden. Auch irgendwie ein Ergebnis, dass sich Gesellschaft, Technik und Prozesse über die Jahre verändern. Und während es für die Kohlekumpels nur den Ausweg über komplette Umschulung, Umzug oder Frührente gibt, können “Kreative” auch weiter in ihrem Berufsfeld arbeiten, müssen sich aber dafür mit anderen und neuen Geschäftsmodellen beschäftigen — und evtl. selber ein paar konkrete Vorschläge zur Urheberrechts-Reform machen, so als Angebot für die Gegenseite, und als Zeichen, dass man nicht nur den aktuellen Zustand als [höhere Instanz einsetzen]-gegeben verteidigen möchte.

Die Zwischenlinie

So haben wir also bisher hauptsächlich zwei Lager, zum einen die Verteidiger des Status Quo, zum anderen die Piraten und deren Unterstützer. Im Endeffekt die klassische Ausgangssituation von Verhandlungen, nach denen man sich auf einen — hoffentlich sinnvollen — Punkt irgendwo dazwischen einigt, oft etwas verfälscht durch unterschiedliche Machtpositionen der einzelnen Gegner.

Inzwischen kommt verstärkt eine dritte Gruppe hinzu, ich nenne sie mal die Zwischenlinie: Menschen, die sowohl Urheber als auch Filesharer sind; Menschen, die sich durchaus gegenseitiger kultureller Beeinflussung bewusst sind. Diese Gruppe gibt es natürlich auch schon immer, aber inzwischen hört man sie im Getöse. Und ohne sich der Sache bewusst zu sein, stehen diese Menschen evt. schon an dem Treffpunkt der Gegensetze, oder zumindest in der Nähe davon — auch wenn bisher noch keiner so genau wissen kann, wo dieser Punkt ist, oder besser sein sollte. Beispiele:

  • Dietrich Brüggemann “Mein Plattenladen heißt Herunterladen”: “Man beobachtet eine Entwicklung, verlängert sie in die Zukunft und gerät in in Panik. Das ist so, als säße ich auf dem Beifahrersitz eines Autos, das an der Ampel losfährt, würde den Tacho beobachten und sagen: Verdammt, jetzt haben wir schon in sieben Sekunden von null auf fünfzig beschleunigt, wenn das so weitergeht, werden wir demnächst die Schallmauer durchbrechen, da sollte ich jetzt besser mal dem Fahrer laut schreiend ins Steuer greifen und den Wagen gegen die nächste Wand lenken.”
  • Johnny Haeusler “Ich heb dann mal ur”: “In der Debatte gibt es für mich im Moment nur zwei unumstößliche Fakten: 1) Das Urheberrecht wird nicht abgeschafft werden, selbst wenn ganz viele Piraten ganz doll mit dem Fuß aufstampfen. 2) Private Kopien von digitalen Dateien lassen sich nicht unterbinden, selbst wenn sich die Vereinten Nationen einschalten.”
  • Oliver Nagel “Det fiel ma uff”: “Aus meiner Lebensrealität, aus dem Alltag eines sowohl kreativ schaffenden Menschen, der gerne für seine Arbeit bezahlt werden möchte, als auch aus meinem Alltag als Konsument (was nicht voneinander zu trennen ist), hat sich ein Umgang mit Medieninhalten ergeben, der mit den Buchstaben des Gesetzes hin und wieder genau so in Konflikt gerät wie ich als Fahrradfahrer mit der StVO kollidiere.”

Nur ich darf klauen, du nicht. Und ASCII-Art zählt sowieso nicht.

Dass es auf beiden extremen Polen auch sehr eigenartige Gewächse gibt, zeigen die aktuell inflationär erscheinden offenen Briefen und Kampagnen der “Contentindustrie”, beispielsweise “Ja zum Urheberrecht”, eine Aktion von Syndikat (Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur). Denn abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, ob es dort auch Qualitätskriterien für die Aufnahme gibt und dass ich sicherlich von 99% der Autoren die Werke nichtmal für umme lesen wollen würde, nimmt man es selber selber wohl nicht so eng, nutzte man ohne Urheberhinweis eine ASCII-Art Pistole im Impressum, kurz darauf erklährt man sein Urheberrecht an den Inhalten. Crazy Typen. Dabei müssten doch Krimischreiber genau die Typen sein, die Raub (Kopien) oder Mord (Urheberrecht) mit Verstand aufklären können. Dass das Syndikat ihren Hauptpreis 1995 auch an Herbert Reinecker vergibt, ist nur eine Randnotiz. Der hat Derrick geschrieben, war aber auch Mitglied der Flieger-HJ, Chefredakteur der Nazizeitung “Unser Fahne”, Drehbuchschreiber für propagandistisches Nazitheater/Filme, Hauptschriftleiter von HJ-Zeitschriften und Angehöriger einer Waffen-SS-Propagandakompanie (Quelle: Wikipedia und Kommentare auf Niggemeiers Beitrag). Das Syndikat sagt also nicht nur Ja zum Urheberrecht, sondern scheint auch noch ganz andere Sachen zu billigen. Insofern: komplett ignorieren und in der Diskussion außen vorlassen!

Ziemlich durchgeknallt

Und zum Abschluss dieses viel zu langen Artikels (eigentlich wollte ich doch nur kurz die Zwischenlinie erwähnen), noch ein weiterer Brief. Anatol Stefanowitsch schreibt in seinem Offenen Brief an die Contentindustrie:

Wenn ihr glaubt, dass eure Werke unverzichtbarer sind als andere, weil sie teurer bezahlt werden, dann irrt ihr euch. Wenn ihr glaubt, dass alle GEZ-finanzierten Tatort-Drehbücher dieser Welt auch nur ein Hundertstel soviel Wert sind, wie die amateurhafte Wikipedia, oder dass monatliche Schecks von der GEMA etwas mit Rock ‘n’ Roll zu tun haben, oder dass ein Vorstandsposten in der Contentindustrie euch zu „Kreativen“ macht, dann ist das ziemlich durchgeknallt. Wenn ihr glaubt, dass es ohne euch keine Kreativität, keine schöpferische Tätigkeit, keinen Kunstgenuss gäbe, dann ist das befremdlich ahistorisch. Und wenn ihr glaubt, dass der Schutz eurer Werke es rechtfertigt, das Internet — das Internet! — zu überwachen oder Abmahnanwälte auf Leute zu hetzen, denen es finanziell sicher schlechter geht als euch, weil die ein Lied oder einen Film (oder auch tausend Lieder oder tausend Filme) aus dem Internet heruntergeladen haben ohne dafür zu bezahlen, dann seid ihr wahnsinnig. Dann würde ich lieber ohne eure Kreationen leben, ganz egal, wie sehr sie ein Teil meines Lebens sind, als eure Illusionen auch nur mit einem weiteren Euro zu finanzieren.

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